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Cultural Landscapes – sind unsere Kulturregionen in Gefahr?

28.03.2017

Ein Beitrag von Sylvia Mader basierend auf ihrem Referat bei der 24. ICOM-Generalkonferenz 2016

 

Donald Trump will eine Mauer an der Grenze zu Mexiko bauen. Im vereinigten Europa begnügt man sich mit der billigeren Zaun-Variante. China startete mit dem Bau seiner Grenzmauer mehr als 2.700 früher. Vermutlich waren den Chinesischen Herrschern die nomadischen Reitervölker aus dem Norden ebenso suspekt, wie manchen Europäern[1] die arabisch-muslimischen Migranten. Die Frage nach dem realen Gefahrenpotential im damaligen China lässt sich ebenso wenig beantworten, wie jene im gegenwärtigen Europa.

 

Auch die Folgen für grenzüberschreitende Museumsprojekte sind nicht abzuschätzen. Noch fördert die EU ihre Kulturregionen mit den Programmen LEADER, LIFE +, CREATIVE EUROPE und INTERREG. Das Generalthema der internationalen 24. ICOM-Generalkonferenz (3.-9.7.2016) in Mailand, lautete „Museums and Cultural Landscapes“ und war damit wie geschaffen, eine Kulturlandschaft wie Tirol-Südtirol-Trentino darzustellen, die auf zwei Nationalstaaten aufgeteilt ist.

 

Die Region Tirol-Südtirol-Trentino wird deshalb in den Blickpunkt gerückt, weil in den Medien immer wieder vom so genannten „Grenzmanagement“ am Brenner, vor allem aber von verstärkten Grenzkontrollen an allen drei Übergängen die Rede ist. Jahrhundertelang hat Tirol bis zum Gardasee gereicht. Dass wir hier von einer gemeinsamen Kulturregion sprechen, liegt auf der Hand, auch wenn Deutsch, Italienisch, Ladinisch und andere Minderheitensprachen in dieser Kulturregion gesprochen werden. Die Grenze entlang des Alpenhauptkammes wurde erst 1920 gezogen.

 

Mein Referat beim erwähnten ICOM-Kongress trug den Titel „A Wire Fence Dividing the Cultural Landscape of Tyrol“ und befasste sich mit dieser Kulturregion: einem Tirol, das sich in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts als Grafschaft konstituierte, seit 1363 zum Habsburgerreich gehörte und in historischer Zeit Nord-, Ost- und Südtirol sowie das Trentino umfasste. Erst nach dem Ersten Weltkrieg, in Folge des Friedensvertrages von Saint Germain (10. September 1919) errichtete man Grenz- und Zollstationen am Brennerpass, am Reschenpass und bei Silian/Innichen in Osttirol. Südtirol (Alto Adige) und Trentino gehörten fortan zu Italien.

 

Die Aufzählung von gemeinsamen Kultur- und Naturprojekten der EU-Region Tirol-Südtirol-Trentino würde unzählige Seiten füllen. Die grenzüberschreitende Verständigung klappte allerdings nicht immer, schließlich waren die Tiroler in den Armeen Österreichs und Italiens einander im Zweiten Weltkrieg feindlich gegenüber gestanden. Gemeinsame Aufarbeitung, gemeinsame Ausstellungen, usw. führten allmählich zur Annäherung. Im Bereich der Naturwissenschaften etablierten zwei Biologen der Tiroler Landesmuseen, Prof. Dr. Gerhard Tarmann (ICOM-Vorstandsmitglied 2008-2013) und Dr. Peter Huemer, die Erforschung des Naturraumes auf beiden Seiten der Staatsgrenze. Für die wissenschaftliche Reihe Schlern-Schriften zeichnen gegenwärtig Dr. Julia Hörmann-Thurn und Taxis (Nordtirol) und Univ.-Doz. Dr. Leo Andergassen (Südtirol) verantwortlich. Beide haben in beiden Ländern Verpflichtungen z.B. als Universitätslektor, wissenschaftliche Kuratoren von Museums- und Ausstellungsprojekten, usw.

 

Als besonderes Verdienst der EU wäre die Schwerpunktsetzung von Kulturregionen gegenüber Nationalitäten zu würdigen. Zwei alpine EU-Regionen umfassen die Gebiete, um die hier geht: 1) Euregio Trentino (I) - Südtirol (I) - Nord-&Osttirol (A) und 2) Euregio Engadin (CH, also außerhalb der EU) – Vinschgau (Südtirol, I) - Nordtiroler Oberland (A). Was wird aus ihnen, wenn Nationalismen und die Formalitäten des Grenzübertritts zunehmen? Wird es dann noch problemlos möglich sein, dass Südtiroler und Trentiner Lektoren ihre Vorlesungen an der Innsbrucker Universität halten oder Nordtiroler zu Redaktionssitzungen gemeinsamer Publikationsorgane (Kulturberichte, das naturwissenschaftliche Journal Gredleriana, Schlern-Schriften, u.a.) nach Bozen fahren? …dass Kunstobjekte für gemeinsame Landesausstellungen problemlos die Grenze passieren? …dass Tagungsteilnehmer am Gesamttiroler Museumstag abwechselnd nach Südtirol, ins Trentino oder ins österreichische Tirol fahren? Erst kürzlich, am 3.3.2017, trafen sich die Museumsvertreter der Euregio Engadin (CH) - Vinschgau (I) - Nordtiroler Oberland (A) im Archäologischen Museum Fließ (Nordtiroler Oberland), um gemeinsame Projekte und Werbemittel zu besprechen.

 

Welche Konsequenzen haben die verschiedenen Spielarten der Grenzsicherung für die Museen einer grenzüberschreitenden Kulturregion? Am Beispiel der genannten Regionen lässt sich feststellen, wie erfolgreich gemeinsame Kultur- und Museumsinitiativen sein können – lässt sich aber auch erahnen, was nationalistische Tendenzen mit schärferen EU-Binnengrenzen zu Fall bringen könnten.

 

 


[1] Der Text bezieht sich sowohl auf Frauen als auch auf Männer, auch wenn zugunsten besserer Lesbarkeit nur die männliche Form verwendet wird.

 

Foto-Credit:

Detail aus der Ausstellung “Verona-Tirol”, 2015 – eine Kooperation zwischen Schloss Runkelstein, Bozen (I) und Museum Stadtarchäologie Hall in Tirol (A)